Die Kunst, sich nicht einsperren zu lassen (ak 672)

Nach mehr als 25 Jahren auf der Flucht ist Bernd Heidbreder in Venezuela gestorben. Thomas Walter über seinen Freund und Mitstreiter, staatlichen Verfolgungseifer und das Leben im Exil

Interview: Kristian Stemmler

Eine traurige Nachricht kam Ende Mai aus Venezuela. Bernd Heidbreder erlag im Alter von 60 Jahren in seinem Exil in den Anden einer Krebserkrankung. Er war Teil der Gruppe K.O.M.I.T.E.E., die 1995 versucht hatte, in Berlin-Grünau ein im Ausbau befindliches Abschiebegefängnis zu sprengen. Mit seinen beiden Mitstreitern konnte er flüchten, die deutschen Behörden jagten die drei mit obsessivem Aufwand. Sein Freund und Genosse Thomas Walter beantwortete aus Venezuela Fragen zu Bernd Heidbreder, seinem politischen Wirken, dem gemeinsamen Leben im Exil und zum Thema Militanz. Weiterlesen

1995: Ein Genosse geht ins Exil und kehrt nun nie mehr zurück (Neues Deutschland vom 04.06.2021)

Der Aktivist Bernd Heidbreder ist gestorben. Nachruf eines Weggefährten

Detta Schäfer

Am 27. Mai 2021 verstarb unser Freund und Genosse Bernd Heidbreder mit 60 Jahren im Krankenhaus in Venezuela. Vier Wochen zuvor hatte Bernd über Schwindelanfälle und Sehstörungen geklagt. Vor zwei Wochen wurde dann dieser schnell wachsende Gehirntumor entdeckt und sofort eine Notoperation durchgeführt. Sein Leben konnte nicht gerettet werden.

Im Jahr 1995 war Bernd, wie seine beiden Freunde Thomas Walter und Peter Krauth, vor einer Verhaftung in Deutschland geflohen. 2014 wurde er in Venezuela festgenommen, kurze Zeit später tauchten dort auch die beiden anderen auf. Die Bundesanwaltschaft wirft den drei Männern vor, unter dem Namen K.O.M.I.T.E.E. für einen Brandanschlag auf den Sitz des Kreiskommandos 852 in Bad Freienwalde im Jahr 1994 verantwortlich zu sein. Hintergrund der Aktion war die massive Unterstützung von Bundeswehr, deutschen Rüstungskonzernen und der Bundesregierung für den mörderischen Kampf des türkischen Staates gegen das kurdische Volk. Weiterlesen

Zum Tod von Bernd Heidbreder

Und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel. Nur in der Nacht manchmal glaubt man den Weg zu kennen. Vielleicht kehren wir nächtens immer wieder das Stück zurück, das wir in der fremden Sonne mühsam gewonnen haben. Es kann sein. Die Sonne ist schwer, wie bei uns tief im Sommer. Aber wir haben im Sommer Abschied genommen. Die Kleider der Frauen leuchten lang aus dem Grün. Und nun reiten wir lang. Es muss also Herbst sein. Wenigstens dort, wo traurige Frauen von uns wissen.

Rainer Maria Rilke

Wie soll das gehen, über jemanden zu schreiben, den man das letzte Mal vor über einem Vierteljahrhundert gesehen hat und den man damals schon nicht wirklich gekannt hat, obwohl man so viel zusammen erlebt hat. Wie soll man das erklären, diese verrückten Zeiten, in denen wir alle jeden Tag mit einem Bein im Knast gestanden haben und trotzdem jeden Abend in aller Seelenruhe zu Bett gegangen sind. Ich habe letztens noch eine alte Gefährtin durch Zufall direkt vor meinem Wohnhaus in Kreuzberg getroffen, wir haben über “die Drei” vom K.O.M.I.T.E.E geredet, über alte Verbindungen, die durch die Flucht gekappt wurden, über die verschlungenen Wege, über die einige der alten Weggefährt*innen all die Jahre hindurch Kontakt zu den Genossen gehalten haben. Vieles kann man bis heute nicht öffentlich erzählen, auch wenn es im Moment so aussieht, als wenn die Bemühungen der deutschen Justiz der drei habhaft zu werden, nicht von Erfolg gekrönt zu sein scheinen. Vor einigen Monaten entstand sogar die Initiative “Bring The Boys Back Home”, deren Ziel es war, den dreien eine legale Rückkehr nach Deutschland zu ermöglichen. Weiterlesen

Internationalist Bernd Heidbreder im Exil gestorben (ANF News vom 31.5.2021)

Der Internationalist Bernd Heidbreder ist im venezolanischen Exil einem Krebsleiden erlegen. Er war Teil der revolutionären Gruppe K.O.M.I.T.E.E., die nicht zuletzt mit ihrer Unterstützung für den kurdischen Freiheitskampf linke Geschichte schrieb.

Der Revolutionär und Internationalist Bernhard „Bernd“ Heidbreder ist am 28. Mai 2021 im venezolanischen Exil verstorben. Der lange Zeit zu den „meistgesuchten Personen“ des Bundeskriminalamts gehörende linke Aktivist wurde als Teil der militanten Gruppe K.O.M.I.T.E.E. von den deutschen Behörden verfolgt.

In einer Zeit der Stagnation, linken Perspektivlosigkeit und Entsolidarisierung hatte das K.O.M.I.T.E.E. 1995 zu seinem größten Schlag ausgeholt und akribisch die Sprengung des im Bau befindlichen Abschiebegefängnisses Berlin-Grünau vorbereitet. Durch eine Polizeikontrolle konnte die Aktion im letzten Moment verhindert werden, die Aktivisten Thomas Walter, Peter Krauth und Bernd Heidbreder mussten fliehen und lebten seither im Exil. Nach langer Fahndung tauchten die Aktivisten in Venezuela auf. Bernd Heidbreder und Thomas Walter beteiligten sich intensiv am Aufbau der bolivarischen Revolution unter Chavez und arbeiteten in verschiedenen Kollektiven. Obwohl 26 Jahre vergangen sind, war eine Rückkehr für die Aktivisten nicht möglich, eine Verjährung der ihnen vorgeworfenen Straftat erfolgt erst 2035.

Trotz der Verfolgung waren die Aktivisten unter anderem als revolutionäre Musiker aktiv. Gemeinsam mit dem Künstler Mal Élevè starteten sie ein Musikprojekt. Im Frühjahr 2019 besuchte der Schriftsteller und Filmemacher Sobo Swobodnik Thomas Walter in den Anden von Venezuela und drehte mit ihm den Dokumentarfilm „Gegen den Strom – abgetaucht in Venezuela“. Am vergangenen Freitag traf die traurige Botschaft ein: „Bernd Heidbreder, mein Begleiter in 26 Jahren des Exils, von der deutschen Justiz verfolgt wegen des Versuchs, den Bau eines Abschiebegefängnisses zu verhindern, zwei Jahre lang illegal in Venezuela inhaftiert, ist heute an Krebs gestorben. Was für ein Verlust!“ Weiterlesen